Rezensionen · Romane

[Rezension] Michael Weins – Goldener Reiter

image

Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe :02.09.2013

Verlag : mairisch Verlag

ISBN: 9783938539286

Fester Einband 208 Seiten

beimVerlagBestellen

sterne3

schnörkel

 

anführung_unten

Wir fahren an meinem Haus vorbei. Meine Mutter steht in der Haustür. Die Haustür steht offen und meine Mutter steht in der Tür. Meine Mutter trägt ein weißes Hemd. Sie hat die Arme ausgebreitet. Ganz langsam fahren wir an meiner Mutter vorbei. (S.62)

anführung_oben

Inhalt

Jonas Fink ist noch ein Kind, als seine Mutter langsam den Verstand verliert. Es beginnt mit Kleinigkeiten, sie verhält sich nicht mehr, wie eine Mutter sich seiner Meinung nach verhalten sollte. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide, bis Jonas keinen anderen Weg mehr sieht, als den Anstoß für einen Aufenthalt in der Nervenklinik Ochsenzoll zu geben. Nun ist sie eine Ochsenzoll-Mutter und er ein Ochsenzoll-Kind. Doch wie soll das Leben für einen Jungen weitergehen, der außer der Mutter niemanden hat, der sich um ihn kümmert?

Rezension

Der Schreibstil des Buches ist markant. Er ist knapp gehalten, stakkatoartig. Kurze Sätze in der Ich-Form sind aneinander gereiht und ergeben eine eigenartige Sogwirkung. Hat man sich einmal eingelesen, kommt man aus Jonas‘ Gedanken nicht mehr so leicht heraus. Immer, wenn ihm etwas widerfährt, was ihm Angst macht, was negative Gefühle in ihm auslöst, verliert er sich in Wiederholungen. Es scheint, als müsse er sich vergegenwärtigen, was da genau gerade passiert. Manchmal hat mich dieser Stil genervt, manchmal fand ich ihn großartig.

anführung_unten
Ich liege auf dem Bett. Es ist dunkel geworden. Ich bin allein im Haus. Ich weiß, dass ich allein bin. Ich kann es fühlen. Das Haus um mich herum fühlt sich allein an. Es hört sich allein an. Von unten kommt das Summen der Wärmepumpe. Die Wärmepumpe summt im Keller. (S.126)

anführung_oben

Nachdem Jonas‘ Mutter in die Klinik Ochsenzoll eingewiesen wurde, zieht er vorübergehend zu seinem Freund Mark und dessen Mutter. Er versucht, ein ganz normales Leben unter diesem fremden Dach zu leben, scheitert jedoch daran und fühlt sich beständig als Gast, der er ja auch nur ist. Irgendwann erfindet er eine Lüge und kehrt zurück in das verlassene Zuhause. Ein zwölfjähriger Junge, der plötzlich an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein steht. Für das eine ist er zu alt und für das andere ist er zu jung. Er gibt sich Mühe, allein klarzukommen und wehrt fremde Hilfe ab. Er wünscht sich, sich jemandem mitteilen zu können, doch nach außen hin führt er ein normales Leben. Er verbringt Zeit mit seinen Freunden, verliebt sich.

Hin und hergerissen zwischen dem Wunsch frei und allein zu sein und dem Wunsch, dass jemand für ihn da ist, dass jemand ihn beschützt, macht er sich selbst Vorwürfe und denkt, dass er Schuld an dem geistigen Zustand seiner Mutter trägt. Auch suchen ihn immer wieder merkwürdige, surreale Träume und Visionen heim, in denen seine Umwelt brutal gesprengt wird. Diesen Aspekt hätte ich gern etwas ausführlicher gehabt. Ich hatte vermutet, dass Jonas selbst an einer psychischen Krankheit leidet, die diese Vorstellungen hervorrufen. Doch wir als Leser werden darüber im Unklaren gelassen, vielleicht weiß der Autor selbst nicht genau, was er damit andeuten will. Ich habe in einem Bericht gelesen, dass das Buch autobiographische Züge hat. Michael Weins‘ Mutter litt an einer psychischen Erkrankung. Vielleicht arbeitet der Autor mit diesem Buch seine Kindheit ein Stück weit auf.

Die Geschichte gefällt mir ganz gut, doch irgendwie war es mir teils zu zerstückelt. Gedanken, Träume und die schonungslose Realität wechseln sich ab und man bekommt manchmal nicht mit, was nun stimmt und was nicht. Das Ende ist recht frei gehalten, Jonas und seine Mutter feiern wiedervereint Sylvester miteinander. Doch gibt es eine Chance auf Heilung? Ich weiß es nicht.

Fazit

Verwirrend und doch zugleich tiefgründig. Wenn man sich an den Stil gewöhnt hat, ist es ein sehr eindringliches Buch, welches einen durchaus gefangen hält. Nur fehlte mir an manchen Stellen der klare Blick, das warum.

schnörkel

Advertisements

Du möchtest was sagen? Dann los!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s