Rezensionen · Romane

[Rezension] Matthias Oden – Junktown

Junktown von Matthias Oden

Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 09.05.2017

Verlag : Heyne Verlag

ISBN: 9783641197179

Seitenzahl 390 Seiten

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An die Schiene wurden die Recycling-Kapseln gehängt, die jene bedauernswerten Gestalten transportierten, deren Humanklasse von Ärzten, Richtern und Lektoren auf D herabgesetzt worden waren. Sie hatten der Konsumgesellschaft nur noch auf dem Wege zu dienen, dass sie ihre Biomasse den Gebärkonzernen wieder zur Verfügung stellten. (S.292)

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Inhalt

Es ist eine düstere Zukunft, in der Inspektor Solomon Cain seinem Beruf nachgeht. Nach außen hin ist es ein Schlaraffenland, denn die Konsumpartei beherrscht das Land. Konsum ist Pflicht geworden, Drogen sind frei verfügbar und müssen sogar genommen werden, denn die Partei prüft nach. Endlich kann mittels Blutwerten nachvollzogen werden, wie parteitreu der einzelne Bürger ist.

Solomon Cain wird zu einem Mord gerufen. Es ist kein menschliches Wesen, das hier getötet wurde, es ist eine Maschine, genauer gesagt: eine Brutmutter. Das allein ist noch nicht so ungewöhnlich für den Inspektor, denn er gehört der Gemapo an, der Geheimen Maschinenpolizei. Doch der Fall wird schnell verwinkelt, lose Fäden hängen überall in der Luft und niemand weiß etwas. Außerdem wird er auch noch von einem höheren Parteimitglied beobachtet, denn Cain ist nicht so parteitreu, wie er sein sollte.

Rezension

Nun, ich bin ehrlich. Das Buch hat es mir nicht leicht gemacht. Es gab Stellen, die mir sehr gut gefallen haben und dann gab es Stellen, die ich einfach nicht verstand. Das Setting ist grundlegend interessant. Eine Welt, in der der Konsum herrscht, in dem Rausch per Gesetz vorgegeben wird.

Aber dann wird es kurios. Solomon Cain ist scheinbar einer der letzten „natural geborenen“ Menschen. Wie? Menschen scheinen unfruchtbar geworden zu sein und das innerhalb von nur 50 Jahren meiner Schätzung nach. Wesen der Humanrasse werden nun mit Brutmuttern zur Welt gebracht. Nun kann man auch von vornherein festlegen, zu welcher Klasse dieser neue Mensch gehören soll. Nach dieser Klasse richtet sich dann auch seine zukünftige Berufung. Hat man die Klasse D erreicht, wird nicht lange gefackelt und man wird auf den Recyclinghof gebracht. Menschen als wiederverwertbare Biomasse. Im Gegensatz dazu sind die Menschen angehalten, sich so viel Müll in die Wohnung zu holen, wie die Ersparnisse hergeben, denn: Konsum ist Gesetz.

Hin und wieder werden zwar kleine Fetzen Geschichte eingestreut, aber nichts wirklich Konkretes. Gerade nach so einer großen Revolution hätte mich doch die Geschichte dazu interessiert. Natürlich kann man jetzt sagen, bei Orwells 1984 zB. wird man auch einfach in die Welt des großen Bruders geworfen. Ja. Aber da war der Bezug auch nicht so gegeben zu einer Zeit vor der Revolution, da war die Partei allgegenwärtig. Es hätte mir geholfen, diese neue Ordnung zu verstehen, hätte ich mehr Hintergrundwissen gehabt. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, der Autor wollte viel sagen und hat doch das Wichtigste weggelassen.

Wie kann es zum Beispiel sein, dass ein Mensch eine „Beziehung“ zu einer Brutmutter aufbauen kann, die laut Beschreibung ein sechsstöckiges Riesengebilde ist? Es wird erwähnt, und der Fall wird anfänglich auch auf einer Beziehungstat aufgebaut, aber wie das möglich ist, das wird nicht erklärt. Wenn die Revolution nur wenige Jahrzehnte her ist, wie kann ein Mensch plötzlich eine Beziehung zu einer Maschine aufbauen?

Nimmt man diese etwas unschlüssigen Nebensachen weg, ist es ein recht spannender und verwinkelter Fall, den man da zusammen mit Inspektor Cain zu entfitzen hat, zwischen Parteimachenschaften und Terrorgruppen, einer neuen Bekanntschaft und dem allgegenwärtigen Drogenrausch mit einem Ende, was zwar recht überraschend, aber doch schon lange abzusehen war. Aber eben auch nicht mehr.

Sympathisch war mir keiner so wirklich in diesem Buch, auch die Gespräche waren manchmal einfach zu flapsig dahingeworfen. Kaputt, könnte man sagen. So kaputt wie diese neue Welt? Vielleicht. Auch werden dem Leser immer abenteuerlichere Abkürzungen und Wortschöpfungen an den Kopf geworfen, die eben nicht selbsterklärend sind. Nicht selten habe ich dann kopfschüttelnd dagesessen, mit den Schultern gezuckt und das Verstehen eben weggelassen.

Fazit

Ein netter Kriminalfall mit einer recht schlüssigen Auflösung vor einem außergewöhnlichen Hintergrund. So außergewöhnlich, dass er kaum einer Erklärung würdig zu sein scheint. Wen das nicht stört, wer sich einfach so in einer neuen Ordnung zurecht finden kann und vor allem auch möchte, dem kann ich das Buch sicherlich empfehlen. Wen es stört, nach einer Lektüre einige sehr große Fragezeichen vor sich schweben zu sehen, der findet sicherlich eine andere Dystopie, die in sich besser funktioniert.


Vielen Dank an das Bloggerportal der Random House Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar!

schnörkel

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14 Kommentare zu „[Rezension] Matthias Oden – Junktown

  1. Hey!
    Danke für die sehr differenzierte Rezension. Bisher habe ich eher begeisterte Rezensionen gelesen und du streust ja doch ein paar Kritikpunkte ein, die ich sehgr gut nachvollziehen kann. Das Buch will ich mir irgendwann mal aus der Bücherei ausleihen, aber ich denke, dass das noch etwas warten kann, nachdem ich deine Meinung zu dem Buch gelesen habe.
    Hab einen schönen Abend
    LG
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

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