Rezensionen · Romane

[Rezension] Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest

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Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe :01.01.1973

Verlag : Verlag Volk und Welt

Genre: Roman

ISBN: 9783353002952

Fester Einband: 435 Seiten

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„Doch diesen Morgen muss ich auf meinem Stuhl sitzen bleiben und kann nur zuhören, wie sie ihn hereinbringen. Trotzdem, obwohl ich ihn nicht sehen kann, weiß ich, dass es keine gewöhnliche Neuaufnahme ist. Ich kann nicht hören, dass er sich voller Angst die Wand entlang tastet, und als sie ihm wegen der Dusche Bescheid sagen, gibt er nicht einfach mit einem schwachen kleinen Ja nach, vielmehr antwortet er ihnen laut und bestimmt, er sei, verdammt nochmal, sauber genug, vielen Dank.“ (S. 19)

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Inhalt

Häuptling Bromden, so nennen sie ihn, den Halbindianer, der seit mehr als zwanzig Jahren in dieser Anstalt für Nervenkranke behandelt wird. Sie halten ihn für taubstumm, wie er da mit seinem Besen die Flure fegt, tagein, tagaus. Doch er hört sehr gut, dieser Indianer. Zwischen seinen eigenen wahnhaften Vorstellungen erlebt er, wie die Patienten auf der Station immer mehr unterdrückt werden von der Großen Schwester, der Krankenschwester, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Herrschaft über all diese Menschen zu erlangen. Und er erzählt uns eine Geschichte über den eingewiesenen Psychopathen R.P. McMurphy, der ein Gauner und ein Spielsüchtiger ist, der auch zuschlägt, wenn er muss, und der doch vielleicht am Wenigsten von allen verrückt ist.

Rezension

Es ist ein unheimlich bedrückendes Buch. Emotional geladen und immer am Rand zwischen Wahn und Realität begleiten wir den Halbindianer Bromden bei seinem Leben in dieser Anstalt. Von den anderen Insassen geduldet, doch nie wirklich wahrgenommen, lebt er irgendwo am Rande der herrschenden Gesellschaft. Sein Geist wird immer wieder vernebelt und er erzählt uns von den Maschinen in den Wänden, die diesen Nebel entstehen lassen. Man fragt sich, ob er sich in einer realen Welt befindet, ob es diese Maschinen tatsächlich gibt, denn so verrückt erscheint er gar nicht.

Eines Tages geht die Tür auf und R.P. McMurphy betritt die Anstalt, ist laut und vulgär, unangepasst und lacht den ganzen Tag. Er versucht direkt, das Kommando an sich zu reißen und belebt somit jeden Tag ein wenig mehr die schon so lange Eingesperrten. Sie bezeichnen sich selbst als Hasen, die gelernt haben vor der Willkür der Großen Schwester zu kuschen, sich klein und unbedeutend zu machen. Denn wer sich regt, wer aufbegehrt, dem droht die Schocktherapie.

Nur McMurphy interessiert das nicht, er nimmt das Zepter in die Hand und hilft so seinen Kameraden wieder zu Männern zu werden, die sich etwas trauen, die auch mal lachen, wenn sie lachen wollen, die sich einen Scherz erlauben und die vor allem nicht vor der Allmacht der Krankenschwester davonlaufen. Im Gegensatz zu ihnen ist McMurphy jedoch nicht freiwillig hier. Er wurde vom Sträflingslager verlegt, in seiner Krankenakte verweist man auf psychopathisches Verhalten. Doch stimmt das? Mir kam es nie so vor. Was ich sah, war ein Mann, der sich nicht verbiegen lässt, einer, der für seine Freunde geradesteht und seinen Kopf hinhält für eine gute Sache. Natürlich ist er gewitzt und auf seinen eigenen Vorteil aus, doch er bringt ihnen das Leben zurück. Auch unser Häuptling lässt sich dadurch beeindrucken und fängt wieder an zu Sprechen.

Es geschehen schreckliche Dinge in dieser Klinik. Dinge, von denen man hofft, dass sie längst der Vergangenheit angehören. Von Elektroschocks ist die Rede, von Tabletten, die einen Nebel um den Geist legen und dich ewig im Dunkeln tappen lassen. Selbst die Lobotomie gehört noch immer zu den praktizierten Methoden. Es ist grausam, wenn man bedenkt, dass es so tatsächlich ablief, damals. Wobei „damals“ ein sehr dehnbarer Begriff ist, denn selbst in Deutschland sind erst 40 Jahre vergangen, seit man diesen barbarischen Eingriff unterlässt.

Ich habe McMurphy, den eigentlichen Protagonisten, sehr ins Herz geschlossen. Mit seiner ruppig rauen, aber sehr herzlichen Art habe ich ihm von ganzem Herzen das Beste gewünscht und wurde bitter enttäuscht. Auch die anderen Patienten hatten ihre liebenswerten, wenn auch merkwürdigen Seiten an sich und es tat mir um jeden leid, der es in dieser Klinik nicht mehr aushielt. Wie wenig muss einem das eigene Leben bedeuten, wenn man gehen könnte, wohin man will und doch dort bleibt und sich schikanieren lässt, wenn man am Ende keinen anderen Ausweg mehr sieht, als zu Beenden, was keinen Sinn mehr hat.

Fazit

Sehr aufwühlend geschriebener Roman, über das Leben und die inneren Konflikte von Menschen, die einfach nicht mit der Gesellschaft klar kommen; von einem Mann, der sich für andere einsetzt und ihnen hilft und doch bitter dafür bezahlen muss.

 

schnörkel

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6 Kommentare zu „[Rezension] Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest

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