Rezensionen · Romane

[Rezension] Rebecca Hunt – Everland

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Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 13.06.2017

Verlag : Luchterhand

ISBN: 9783630874630

Fester Einband 412 Seiten

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Napps hob die Hände angesichts dieser offensichtlichen Tatsache und grinste.

„Sei ehrlich, hätten wir es nicht leichter ohne ihn? Jetzt sag bloß nicht, dass es nicht einfacher wäre …“

„Sprich es nicht aus, Napps!“

“ … wenn er im Beiboot gestorben wäre.“ (S.217)

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Inhalt

Zwei Expeditionen in die Kälte der Antarktis, zwei Teams, zwei Zeitstränge.

1913 betreten Napps, Millet-Bass und Dinners die Insel, der sie den Namen Everland geben. Schon die Ankunft war schwieriger als gedacht, die Vorräte sind geschrumpft, die rettende Mannschaft der Kismet ist weit entfernt. Auch wenn Dinners schwere Erfrierungen davongetragen hat, so dürfen sie die Hoffnung doch nicht aufgeben. Die Mannschaft holt sie in zwei Wochen wieder ab. Ganz sicher.

2012. Zur Feier des Jubiläums sticht eine neue Mannschaft in See, will Everland erneut erkunden. Die Schrecken der vergangenen Tage sind in ihren Köpfen verankert, doch was soll schon geschehen? Dank neuester Technik und Ausrüstung stellen sich Brix, Jess und Decker erneut der antarktischen Hölle. Und stoßen dabei auf Hinterlassenschaften und menschliche Abgründe.

Rezension

Großartig. Dieses Wort fasst zusammen, was ich gerade denke. Dieses Buch ist großartig. Gefangen zwischen zwei Buchdeckeln zieht diese Geschichte in die kalten Winde der Antarktis, lässt einen nicht mehr los und jagt auch den ein oder anderen Schauer über die Haut, während es draußen 30°C im Schatten hat.

Wir lernen also die Expeditionsmannschaften im damals und heute kennen. Die erste Gruppe besteht aus drei Männern, die zweite ist gemischt. Und doch erkennt man relativ schnell, dass sich die Charakterzüge ähneln. Es gibt den Chef, den Arbeiter und den Menschen ohne Ahnung. Jeder geht in seiner Rolle auf, die einen gewollt, die anderen ungewollt. So unterschiedlich die Situationen sind, so sehr gleichen sie sich auch. Auf beiden Zeitebenen passieren Vorfälle, die den Aufenthalt erschweren. Verletzungen sind nur ein Teil davon. Das Wetter in der Antarktis spielt verrückt und während 1913 die Zeit der ewigen Nacht angebrochen ist, geht die Sonne 2012 niemals unter. Da stellte ich mir die Frage: Was ist schlimmer? Ewig hell oder ewig dunkel? Und wie stark beeinflusst die Helligkeit um uns herum unser Empfinden?

Die menschliche Psyche

Denn die Psyche ist das, was den Antarktisforschern am meisten zu schaffen macht. Die launischen Wetterverhältnisse spielen Streiche, Winde klingen nach Schreien, der Kopf beginnt zu flirren, Felsen werden zu Monstern, die auf uns lauern. Auch hier ähneln sich die Charaktere wieder in ihrer Wahrnehmung. Dinners und Brix leiden als erste an diesem Phänomen, hervorgerufen auch durch den herrschenden atmosphärischen Druck und die permanente Kälte.

Zusammengepfercht auf Wochen mit fremden Personen, kann einem Menschen sehr zu schaffen machen. Man kann kaum für sich bleiben, man ist immer auf die anderen angewiesen. Man muss sich aufeinander verlassen können, kann man das nicht, kommt man schnell an seine Grenzen. Wenn zwei sich zusammentun, bleibt für den dritten nicht mehr viel Raum. Besonders interessant war die Tatsache, dass sich beide Gruppen unterschiedlich entwickelten. War Napps anfänglich gegen Dinners, fuhr ihn grob an, entwickelte er sich zusehends zu seinem Fürsprecher, da sich Millet-Bass von ihm entfernte. In der heutigen Expedition war es anders herum. Anfangs war Decker (das Pendant zu Napps) der Fürsprecher für Brix, doch irgendwann änderte sich der Zusammenhalt. Er stellte sich über die unerfahrene Forscherin.

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Wie uns die Zeit dazu verleitet, zu sehen, wer wir wirklich sind und welche Entscheidungen wir treffen. (S. 366)

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Entscheidungen, die den Verlauf verändern

Die Psyche ist auch das, was diese Expeditionen so gefährlich machen. Wenn es um das nackte Überleben geht, wie weit sind wir bereit zu gehen? Was würden wir opfern, um uns selbst zu beschützen? Beide Anführer der Gruppen stellen sich diese Frage früher oder später – und entscheiden sich unterschiedlich. Mit fatalen Folgen. Manchmal kann man nicht alle retten. Manchmal muss man auch vertrauen. Aber manchmal ist Menschlichkeit am Ende das, was zählt.

Zwischen den einzelnen Expeditionen gibt es Kapitel, die sich mit der Mannschaft der Kismet im Jahr 1913 beschäftigen. Sie beleuchten die Ansichten der Männer, zeigen, wie unser Denken gelenkt wird. Wie es sich verändert. Wann idealisieren wir jemanden? Und wann drehen wir die Wahrheiten immer und immer wieder, bis wir aus diesem Wirrwarr keinen Ausweg mehr finden und nur noch zu glauben meinen, einen Menschen wirklich gekannt zu haben? Wer war Napps? War er wirklich dieser böse Mensch, der die Katze des Matrosen ohne Grund tötete? War er wirklich ein Mann, der Dinners im Eis allein zurückließ, um sich selbst zu retten? War er das?

Fazit

Ein ungewöhnliches Setting, mit einer großartigen Charakterstudie. Wie viel kann ein Mensch ertragen, bevor er zusammenbricht? Rebecca Hunt versteht es mit Leichtigkeit den Leser in eine kalte Welt zu entführen. Eine Welt, in der die Gedanken und Ängste, Zweifel und Hoffnungen der Einzelnen das ausmachen, was wichtig ist. Was sind wir bereit zu tun, wenn wir überleben wollen? Was würden wir opfern? Für mich ein Jahreshighlight.

 

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„Schlag auf Schlag, meine Herren“, rief Dinners. „Mal sehen, wer am längsten durchhält.“ (S.19)

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Weiterer Literaturtipp: Wer einmal Blut geleckt hat und sich von Erfrierungen und Entbehrungen noch nicht trennen möchte, dem lege ich Dan Simmons Terror an Herz. Die andere Erdhalbkugel, doch die gleichen Schrecken. Und noch mehr.

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Ein Kommentar zu „[Rezension] Rebecca Hunt – Everland

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