Rezensionen · Romane

[Rezension] Lionel Shriver – Wir müssen über Kevin reden

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Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.02.2006

Verlag : List

ISBN: 9783492310512

Flexibler Einband 560 Seiten

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schnörkel

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„Ein kleines Mädchen hat sich also gekratzt. Was hat das mit meinem Sohn zutun?“

„Er war dabei! Dieses kleine Mädchen zieht sich bei lebendigem Leib die Haut ab, und er unternimmt nichts!“ (S. 264)

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Inhalt

Kevin Khatchadourian ist fast 16 Jahre alt, als er mit einer Schusswaffe die Turnhalle seiner Schule betritt und neun Leben einfordert. Er erschießt sieben seiner Mitschüler, eine Lehrerin und einen Angestellten der schulischen Cafeteria. Doch seine Familie zerstört er schon früher. Nun sitzt er in der Jugendstrafanstalt. Seine Mutter besucht ihn nach wie vor regelmäßig, auch wenn sie eigentlich nicht weiß, warum.

In unzähligen Briefen an ihren Mann Franklin rollt sie ihr gemeinsames Leben mit ihrem Sohn auf, angefangen bei ihrem zweisamen Leben, über die verstörende Geburt ihres Sohnes bis hin zum großen Finale, dem Amoklauf. Sie schildert ihr Leben im festen Griff dieses Sohnes, der von Geburt an bösartig zu sein scheint und fragt sich immer wieder: Hätte ich etwas anders machen sollen?

Rezension

Dieses Buch besitzt Macht. Es stellt sich die Frage, wie sehr die Eltern dafür verantwortlich sein können, dass aus Kindern wird, was sie sind. Wie viel Bösartigkeit besitzt ein Mensch von Natur aus und wie viel ist der Umgebung, dem familiären Umgang geschuldet?

Bindungsängste und Blindheit

Lange Jahre waren Eva und Franklin glücklich, ihnen reichte das Leben so wie es war. Doch irgendwann sehnten sie sich nach einem Kind. Sie ist Ende 30, als Eva schließlich schwanger wird. Doch bereits während der Schwangerschaft wächst in ihr ein Widerwillen gegenüber dem Kind. Die Geburt verläuft für sie nicht so, wie gedacht, die Bindung zum eigenen Kind ist von Beginn an nicht gegeben. Er verweigert die Brust, sie versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Doch je älter Kevin wird, umso schwächer wird die Verbindung der beiden. Immer wieder versucht sie, auf ihren Sohn und seine kaum vorhandenen Bedürfnisse einzugehen, ihn zu verstehen. Er scheint von Anfang an wütend zu sein. Wütend auf sich, seine Mutter, die Welt, seine pure Existenz. Er schreit, er verjagt die Babysitter der Umgebung, er beginnt mit den ersten bösartigen Streichen. Doch anstatt eine seelische Unterstützung zu sein, wirft ihr Franklin immer wieder mangelndes Gefühl vor. Er weiß noch nicht, was er tut und Das bildest du dir doch nur ein sind noch die harmloseren Dinge, die sich Eva im Lauf der Jahre immer wieder anhören muss. Der Vater ist getrieben von überbordenden väterlichen Gefühlen und sieht nicht, wie aus seinem Kind ein Monster wird. Er spielt alle alarmschlagenden Signale herunter. Kevin wirft Ziegelsteine von einer Autobahnbrücke? Nein, das war die Idee seines Freundes. Er wusste doch gar nicht, wie gefährlich so etwas ist. Die Flasche mit dem Rohrreiniger? Die hast du sicherlich nicht weggeräumt. Was sollte Kevin damit wollen? Die Blindheit Franklins trieb mich mehrfach dazu, das Buch frustriert zur Seite zu legen und mir zu wünschen, ihn nur einmal an den Schultern packen und schütteln zu dürfen.

Natürlich ist auch Eva nicht frei von aller Schuld, wenn man denn von Schuld sprechen kann. Sie hat sich bemüht, Kevin eine gute Mutter zu sein, doch ihre innere Angst, ihr Zurückschrecken vor seiner Andersartigkeit hat bewirkt, dass sie ihn nur halbherzig betrachtete. Natürlich merkt ein Kind, dass man das Interesse nur vorspielt. Auch hält sie sich im Grunde ihres Herzens für besser als ihre Mitmenschen. Doch damit ist sie nicht allein. Von oben herab auf andere zu blicken, ist um so vieles leichter, als sich die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen. Wir sehen uns schließlich alle gern als kleine Götter, den anderen überlegen.

Wunsch nach Aufmerksamkeit?

Kevin dagegen scheint einen tatsächlich bösen Zug zu besitzen. Von innen heraus angetrieben, verbringt er seine Jahre damit, seine Umwelt bewusst zu drangsalieren. Er trägt Windeln, bis er sechs Jahre alt, obwohl er es längst anders könnte. Er schraubt an dem Fahrrad eines Nachbarjungen herum, damit dieser einen Unfall verursacht. Er verspottet alles um sich herum, hat an nichts Interesse. Scheint von allem über- und unterfordert zugleich zu sein. Sucht er die Aufmerksamkeit seiner Umwelt oder will er sich genau dieser entziehen?

Die Geschichte spielt in den späten 90er Jahren. In Amerika eine gefährliche Zeit. Amokläufe in den Schulen des Landes häufen sich, es scheint eine Welle der Nachahmer zu geben. Auch Kevin wird zu einem von ihnen. Vielleicht wurde er von diesen Gräueltaten beeinflusst, vielleicht sah er darin endlich einen Sinn für sein Leben. Einmal sagt er, dass es beängstigend sein kann, seine eigene Zukunft zu kennen.

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„Vielleicht kann er sich seine Zukunft vorstellen“, sagte Kevin. „Vielleicht liegt genau da sein Problem.“  (S. 439)

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Der Link hinter dem Bild zeigt eine Weltkarte, die die gesammelten Amokläufe darstellt. Erschreckend, wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, erschreckend, wie viele davon in unserem eigenen Land. Auch wenn in Amerika das Waffengesetz eindeutig zu lasch gehandhabt wird, auch hierzulande gibt es Jugendliche, die in ihrer Schule bewaffnet auftauchten. Immer wieder erinnert sich Eva Khatchadourian an Taten, die der ihres Sohnes vorangingen. Und an die, die daraufhin folgten. Wohl einer der bekanntesten ist der Fall in Columbine, bei dessen Verlauf 15 Menschen ihr Leben verloren.

Die letzten Szenen der Geschichte werden mir wohl noch lange im Gedächtnis eingebrannt sein. Geahnt? Ja. Verarbeitet? Nein. Und immer wieder diese bohrenden Fragen einer Mutter: Hätte ich ihn mehr lieben müssen? Hätte ich es verhindern können, hätten wir irgendetwas anders machen können? Oder war es Kevins Schicksal, zu werden, wer er schließlich war?

Fazit

Es wird immer Menschen geben, die nicht in ihrem Leben zurecht kommen, die sich ausgeschlossen, falsch oder verletzt fühlen. Die es nicht mehr in der eigenen Haut aushalten und ausbrechen. Die Rache wollen. Oder die einfach an eine Waffe gelangen und damit unschuldige Leben nehmen. Doch dieses Buch ist ein kleiner Blick hinter die Kulisse. Wie geht das Leben der Mutter dieser Menschen weiter? Von wie vielen Zweifeln ist sie zerfressen, wie viel Schuld lädt sie auf ihre eigene Schultern – und trägt sie wirklich Schuld? Das Buch erklärt nichts, aber es hinterfragt.

 

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14 Kommentare zu „[Rezension] Lionel Shriver – Wir müssen über Kevin reden

  1. Uhh, als Vater kann ich sagen, sehr bedrückendes Thema. Auch wenn ich der Liebe meiner Kinder gegenüber bewusst bin, so weiß ich nicht, ob ich dieses Buch lesen könnte… Schon in deiner Rezension erkenne ich Situationen, die mir bekannt sind. Ich kann mir ausmalen, was passiert, wenn in gewissen Situationen die falsche Entscheidung getroffen wird… Alles in allem sicherlich sehr beklemmend und für Eltern schwer emotionslos zu lesen…

    Gefällt 2 Personen

      1. Auf jeden Fall! Seit ich Kinder habe, bin ich für solche Themen sehr empfindlich geworden, deswegen folge ich lieber erst einmal anderen Empfehlungen… 😊👍

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      2. Ich vergaß, auf alle Fälle eine schöne Idee auch mal Themen anzugehen, die schwerer und diskutabel sind. Müssen ja nicht immer Feen, Kobolde und Einhörner sein… 😂😂

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  2. Eine sehr tolle Rezension, die viel in Buch hineinblicken lässt und die einen irgendwie seltsam zurück lässt. Es ist erschreckend, wenn so etwas passiert und noch erschreckender, wenn man die Mutter / der Vater / die Schwester / der Bruder – dieses jemands ist. Ich weiss nicht wie und ob man dies verarbeiten kann…

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    1. Ich glaube, so etwas kann man nie ganz verarbeiten. Es wird immer irgendwas in einem zurückbleiben, gerade weil man nicht weiß, wie viel „Schuld“ man an dem Ereignis hat. Mir haftet immer noch das Gefühl an, was sich während des Lesens in mir ausgebreitet hat :/

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