Kurzgeschichte: Das Wiedersehen

[Kurzgeschichte] Kapitel 4 – Der Brunnen

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Morgen war es endlich soweit. Samhain. Der Tag, an dem das Portal der Anderswelt sich für Isobel öffnen würde, wenn sie alles richtig machte. Und vielleicht erfuhr sie dort, was mit ihren Eltern geschehen war. Es war schon lange dunkel, als Isobel sich ihren grünen Mantel überzog, den geringelten Schal um ihren Hals schlang und sich durch das noch stille Waisenhaus schlich. In die eine Manteltasche hatte sie das zusammengerollte Pergament gesteckt, in der anderen lag die Uhr, die sie vor einigen Tagen aus Mrs. Robinsons Rocktasche stibitzt hatte.

Natürlich hatte sich die Heimleiterin über den Verbleib der Uhr sehr gewundert. Stundenlang suchte sie das gesamte Haus nach ihr ab, grub tief in den Falten des Sofas, stülpte Blumentöpfe um und fragte jedes Kind, das an ihr vorbeilief, ob es ihre Uhr gefunden hatte. Doch alle verneinten. Isobels Gewissen brannte dunkelrot in ihr. Sie hatte die Uhr unter einem losen Dielenbrett in ihrem Zimmer versteckt. Jede Stunde lief sie hinauf, um sich zu vergewissern, dass sie noch da war, dass noch niemand ihre Tat bemerkt hatte.

Die Haustür war nicht verschlossen, so dass Isobel unbemerkt ins Freie schlüpfen konnte. Ein kalter Wind pfiff ihr um die Nase und ließ ihre rotblonden Locken tanzen. Entschlossen ballte sie ihre Hände in den Taschen um die beiden Gegenstände und rannte dann quer über den Hof zum Brunnen. Sie spähte in das finstere Loch hinab. Im Geiste wiederholte sie abermals die Worte, die das Pergament ihr mitgegeben hatte.

Der Brunnen ist dein Ziel,

die unsichtbare Treppe dein Versprechen.

Wenn die Zeiger sich rückwärts drehen,

wirst du fündig sein.

Unruhe ergriff sie. Wo war die Treppe? Und was sollte sie tun, wenn sich die Zeiger der Taschenuhr nun doch nicht rückwärts bewegen würden? Sie umrundete den Brunnen zweimal, fand aber nichts. Dann nahm Isobel die Uhr aus der Tasche und starrte sie an. Zuerst geschah gar nichts. Das Mädchen drehte das Ziffernblatt hin und her und versuchte, den Lauf der Zeit irgendwie zu beeinflussen. Die Zeiger tickten unbeirrt vorwärts. Doch als der Mondschein den Sekundenzeiger traf, glomm dieser kurz silbern auf. Dann stand er plötzlich still, Isobel hielt die Luft an und sah dann, wie die Zeiger begannen, sich rückwärts zu drehen. Schneller, schneller, immer noch schneller, bis alles eine fließende Bewegung war. Als alle Zeiger auf Mitternacht standen, hörte der Spuk auf.

Von unten hörte Isobel nun ein Scharren, als ob der Brunnen lebendig wurde. Steine schienen sich zu verschieben. Die Treppe! schoss es ihr durch den Kopf. Doch sie sah nichts. Vorsichtig setzte sie sich an den Rand des Brunnens und ließ ihre Beine über dem dunklen Abgrund baumeln. Sie warf einen letzten Blick auf die dunklen Fenster des Waisenhauses, dann griff sie nach der Eisenstange, an der der Wassereimer befestigt war. Sie krallte sich mit der anderen Hand in die brüchigen Steine des Brunnens und tastete mit einem Fuß im dunklen Nichts herum. Ihre Arme begannen bereits zu zittern, als sie endlich festen Untergrund spürte. Für einen Moment kam ihr die Situation völlig surreal vor, wie konnte sie etwas fühlen, was gar nicht da war? Und doch war es so. Sie schloss die Augen und gab sich ganz ihrem Tastsinn hin, stieß sich von der Mauer ab und und landete wackelig mit beiden Beinen … im Nichts. Isobel riskierte einen Blick nach unten und sofort wurde ihr übel. Unter ihr gähnte das tiefe Loch des Brunnenschachts. Doch nun war sie einmal hier. Vorsichtig tastete sie mit einem Fuß nach der nächsten Stufe. Es ging leichter, wenn sie die Augen geschlossen hielt. Nach einigen Stufen, die sie in einer Spirale nach unten führten, flammten in den Mauerritzen kleine Lichter auf. Sie leuchteten in hellem Grün und Blau und sprenkelten die Steine ringsumher mit grellen Farben. Mittlerweile hatte sich Isobel an das Gefühl gewöhnt, auf einer unsichtbaren Treppe zu stehen und ließ die Augen offen. Mit einer Hand hielt sie sich an der Mauer fest und stieg nun immer schneller die Stufen hinab.

Wenige Meter über dem Boden befand sich ein schmaler Durchgang in der Mauer. Hier leuchteten hunderte kleine fluoreszierende Lichter am Boden. Aber da lag noch etwas. Klein und hart, kugelrund. Rattenkot? Angewidert rümpfte Isobel die Nase. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf eine hohe, aus massivem Holz bestehende Tür gelenkt. Isobel kletterte in den Gang und berührte die Tür mit einer Hand. „Was willst du?“, schnarrte da eine Stimme hinter ihr, doch als sie sich erschrocken umsah, stand da niemand. Stirnrunzelnd blickte sie wieder nach vorne. „Ich rede mit dir!“ Wieder diese Stimme, näher. Isobel drehte sich herum. Auf dem Boden vor sich sah sie glitzernde rote Augen, die auf sie gerichtet waren. „Sprache verschlagen?“ „Du … Du bist eine … Rat …“ „Ein Nepholus, genau.“, wurde sie von dem kleinen Nagetier unterbrochen, dass sie weiterhin anstarrte. Es hatte sich auf seine Hinterbeine gesetzt und die Nase erhoben. „Ein … Nepholus?“ „Bisschen schwer von Begriff, wie?“, schnarrte die Ratte weiter und wippte dabei auf seinen Hinterbeinen hin und her. „Viel wichtiger aber ist: Wer bist DU? Und vor allem, was willst du hier?“ „Ich suche den Weg in die Anderswelt“, antwortete Isobel beherzt. „Dann brauchst du das Passwort. Wie lautet es?“ „Passwort? Oh, …“ Isobel überlegte fieberhaft. Die Ratte, nein, – der Nepholus -, peitschte ungeduldig mit seinem langen, nackten Schwanz über den Boden. Eines seiner Ohren, die für eine Ratte viel zu lang und zu spitz waren, war eingerissen, das schwarze Fell glänzte im Schein der Lichter bläulich. Unmerklich versuchte Isobel, ein paar Schritte Abstand zu dieser Kreatur zu nehmen. „Ähm. Das Passwort lautet … Anderswelt?“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und heraus ragte der dicht behaarte Arm eines Mannes. „Kind, lass dir von dieser Ratte nichts einreden. Heute ist Samhain, da kannst du ohne Passwort passieren. Komm rein, schließ die Tür, schau dich um!“ Die Stimme des Mannes klang dumpf hinter der halbgeöffneten Tür. Isobel warf einen letzten Blick auf den Nager zu ihren Füßen, der mittlerweile missmutig dreinblickte. Dann dachte sie wieder an ihren Wunsch, ihre Eltern zu sehen, eilte die wenigen Schritte zur Tür zurück und riss sie ganz auf. Fast wäre sie gegen den am ganzen Körper mit rötlichem, verfilztem Fell bedeckten Mann gerannt und bremste ab. Hinter sich hörte sie die schimpfende Stimme des Nepholus. „Spiel dich nicht so auf!“, donnerte der Mann und schloss mit einer ruckhaften Bewegung die Tür. Isobel riskierte einen Blick in sein Gesicht und registrierte, dass er sehr alt und dennoch gleichzeitig sehr kindlich wirkte. Seine Wangen wiesen Grübchen auf. „Willkommen in der Anderswelt, mein Kind. Ich bin der Grogoch. Und du?“

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Der Oktober steht im Zeichen der Geisterwesen. Halloween, welches am 31. Oktober jeden Jahres gefeiert wird, geht auf das alte keltisch-irische Fest Samhain zurück. Hier, so sagt man, konnten Menschen Kontakt zu Wesen jenseits unserer Welt aufnehmen.

Die Kurzgeschichte rund um Isobel gehört zu meinem Romanprojekt, an dem ich seit einiger Zeit schreibe. Begleitet Isobel auf ihrer Reise zur Anderswelt! Morgen, an Samhain, gibt es das letzte Kapitel. Seid gespannt!

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14 Kommentare zu „[Kurzgeschichte] Kapitel 4 – Der Brunnen

  1. Die kleine Isobel ist wirklich unglaublich mutig! Ich hätte mich da nicht so einfach rein getraut. Die Ratte… äh der Nepholus ist ja mal richtig putzig 🙂 ich konnte ihn mir gerade so richtig vorstellen, wie er da so wichtigtuerisch die Tür bewachte! Bin nun sehr gespannt wie diese Anderswelt so ist… werde gleich weiterlesen! 😀 ❤

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