Kurzgeschichte: Das Wiedersehen

[Kurzgeschichte] Kapitel 5 – Die Anderswelt

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Isobel konnte es noch immer nicht glauben. Hier stand sie nun also, in der Anderswelt, der Welt, die den Elfen und Feen und all den anderen magischen Wesen vorbehalten war. Sie kniff sich in den Arm. „Au!“ Erschrocken blickte sie in das bärtige Gesicht des Grogoch. „Wenn du jemanden zwicken willst, dann zwick dich lieber selbst“, grummelte er in die Fülle des roten Gestrüpps um seine Mundwinkel. Isobel konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wurde aber sofort wieder ernst, als sie sich umsah. Alles um sie herum schien unwirklich, auch wenn sie kaum zwei Yard weit sehen konnte. Sie schien in einer Höhle aus unbehauenem Stein zu stehen, die Dunkelheit wurde hier und da von Fackeln vertrieben. Am anderen Ende der Höhle erkannte sie mehrere in den Fels gehauene Durchgänge, schmale Tunnel, die wer weiß wohin führten. Fragend drehte sie sich nach dem Grogoch um, doch der war verschwunden. Plötzlich allein, kroch ihr eine eisige Kälte den Rücken hinauf. Bibbernd schritt sie auf eine der Fackeln zu, nahm sie von der Wand und leuchtete in einen der Gänge der Höhle. Welchen sollte sie nehmen? Alle wirkten gleich uneinladend und kalt. Sie entschied sich für die goldene Mitte und huschte hinein.

Kaum war sie einige Schritte gelaufen, hörte sie ein wimmerndes Geräusch. Was war das? Es schien von allen Seiten zu kommen, es hallte durch den Gang und Isobel hätte beinahe die Fackel fallen gelassen. Dann wurde es totenstill. Zitternd bewegte sich Isobel weiter. Da hörte sie es wieder, näher und wieder ferner, ein Wimmern und Jammern, als hätte ein Kind etwas verloren. Neugierig ging sie schneller, wer weinte denn da? Der Tunnel nahm eine Biegung und plötzlich stand das Mädchen im Freien. Fahles Mondlicht erhellte Hügel, und jeder für sich wies einen eigenen Eingang auf. Auch ihr Tunnel endete in einem dieser Hügel, wie sie feststellte. Abgehend von diesem wand sich ein gepflasterter, alter Pfad, der all die Hügel miteinander verband. Und dort in der Mitte, wo all die Pfade zusammenliefen, saß eine alte Frau auf einem Felsen. Ihr Haar war schlohweiß und hing ihr in filzigen Strähnen ins Gesicht. Isobel stand stocksteif da und starrte sie an. Das Wimmern ging eindeutig von dieser Frau aus, da war sich Isobel sicher. Die Hände der Alten ragten aus einem zerschlissenen Cape heraus, welches früher vielleicht einmal schwarz gewesen war. Knochige Finger, leicht gekrümmt und mit langen Fingernägeln versehen, strichen unruhig über die zotteligen Haarspitzen. Da hob die Frau ihr Gesicht und drehte es genau in Isobels Richtung, blickte sie aus rotumrandeten Augen tieftraurig an. Isobel wollte weglaufen, konnte aber keinen einzigen Muskel in ihrem Körper bewegen.

„Wer bist du?“, rief sie leise und ihre Stimme zitterte. Die Alte schien sie nicht gehört zu haben, doch sie starrte das Mädchen weiter an. Sie streckte einen Finger in ihre Richtung, zeigte auf sie und gab einen kreischenden, langgezogenen Heulton von sich, der selbst Tote in ihren Gräbern geweckt hätte. Sie stand von ihrem Felsen auf und schlurfte auf Isobel zu. Diese drückte sich ängstlich an den kalten Stein. „Wer bist du? Was .. ?“, rief sie erneut, dieses Mal brach ihre Stimme aus Angst. Die Frau glitt über den Boden, sie schien aus nichts zu bestehen. Nebel waberte um ihre Beine herum. „Tot! Sie sind alle tot!“, stöhnte sie. „Wer? Wer ist tot?“, rief Isobel verzweifelt und wollte zurück in den Tunnel. Doch dieser war nicht mehr da. Hinter ihr war nichts als Erde und mit Raureif benetztes Gras. Die Geisterfrau war nun noch näher an Isobel herangerückt, sie spürte ihren Atem ihre Wange entlang streichen. „Sie alle …!“, wisperte sie und ihre Stimme klang wie welkes Laub. „Die Rattenartigen werden kommen und sie holen!“ „Vom wem sprichst du? Wer sind die Rattenartigen und wen holen sie?“ Isobel schrie der Frau nun ihre Verzweiflung ins Gesicht. Sie taumelte rückwärts, doch schien die Frau immer den gleichen Abstand zu wahren. „Die Nepholus! Sie werden uns alle vernichten! In diesem Moment bereiten sie sich auf die Schlacht vor und ihr Menschen seid die ersten, derer sie sich entledigen werden!“ Die Frau erstarrte in der Bewegung, nur ihr Kopf schob sich Zentimeter für Zentimeter näher an Isobels Gesicht. „Aber du…!“ „I-i-ich?“ Isobel konnte den fauligen Atem der Alten riechen, ihr Magen drehte sich. „Du! Du hast die Gabe! Du kannst uns retten und du kannst sie retten!“

Damit flackerte das Bild der Frau auf und Isobel rang nach Atem. Sie sah ihre Eltern, verdreckt und elend, mit einer dicken Kette aus Eisen zusammengebunden. Ihre Augen starrten auf etwas zu ihren Füßen, doch Isobel konnte nicht sehen, was sie sahen. „Mama! Papa!“ Sie schrie auf, machte einen Schritt vorwärts. Doch wie sie ihre Eltern berühren wollte, flimmerte die Luft erneut und die alte Frau stand wieder vor ihr. Dunkelheit strahlte aus ihren Augen, deren Höhlen immer tiefer zu werden schienen. Isobel schloss die Augen und krümmte sich zusammen. „Wie kann ich ihnen helfen? Wo sind sie?“ Weinend lag das Mädchen auf dem kalten Boden. Stille senkte sich über das Land. Der Anblick ihrer Eltern hatte sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Verzweifelt wälzte sie sich in dem abgestorbenen Gras herum, als sich ihr eine warme Hand auf den Arm legte. „Schhhh, ich bin ja da.“ Erschrocken riss Isobel ihren Kopf nach oben. Die Hand gehörte dem Grogoch. Dankbar klammerte sie sich an den Arm des Mannes, sah sich um und flüsterte „Wo ist sie hin?“ „Wen meinst du?“ „Die Frau! Hast du sie nicht gesehen?“ „Eine Frau? Hatte sie weißes Haar und ein Cape um die Schultern? Hat sie geweint?“, wollte der Grogoch mit gerunzelter Stirn wissen. „Ja. Ja! Das war sie!“ „Liebes Kind“, murmelte der Grogoch. „Das war nicht einfach nur eine Frau. Das war eine Banshee.“ „Eine Todesfee?“ Isobel hatte sich gerade wieder aufgerichtet, doch bei dieser Erkenntnis zitterten ihre Knie erneut und sie klammerte sich heftiger an den ihr dargeboteten Arm. „Dann hat sie nicht gelogen. Banshees sagen die Wahrheit, oder?“ „Mir ist zumindest nichts anderes bekannt. Aber Kind, egal was sie dir gesagt hat, du bist halb erfroren und ich wurde geschickt, um dich heimzubringen.“ „Wer hat dich geschickt?“ „Nun, sagen wir, sie war sehr überzeugend für ihr Alter.“

Zurück in der Höhle starrte Isobel das Mädchen an, welches sich mit verschränkten Armen an die Felswand lehnte. Als ihre Blicke sich trafen, stürzte Janice vor, breitete die Arme aus und riss Isobel an sich. „Es geht dir gut!“, rief sie aus. Isobel befreite sich aus den Armen des Mädchens und fragte: „Was machst du hier unten?“ Janice blickte zerknirscht drein, aber nur für einen Augenblick. Dann wurde ihr Blick wieder fest und sie richtete ihn auf das kleinere Mädchen. „Ich wusste, dass du etwas im Schilde führst, seit ich dich das erste Mal nachts herumschleichen gesehen habe. Deinen alten Teddy besuchen? Ich war oben. Der einzige Teddy auf dem Dachboden ist meiner. Ich habe mit Mrs. Robinson gesprochen, sie kann gut Dinge zusammenzählen, weißt du? Und gemeinsam fanden wir heraus, was du vorhast. Dein Versteck ist nicht so geheim, wie du denkst. Mrs. Robinson wollte dich jedoch deinen eigenen Weg gehen lassen, ich sollte nur auf dich aus der Ferne aufpassen. Doch ich bin eingeschlafen und kam zu spät zum Brunnen, du warst schon weg. Aber der nette Bärtige hier hat mir angeboten, dich holen zu gehen. Und nun komm, du solltest dich aufwärmen.“ Isobel blieb keine Zeit zum antworten, denn Janice packte sie bei den Schultern und schob sie auf den Ausgang zu. Dann fiel auch schon die Tür ins Schloss und Isobel und Janice standen allein im Brunnenschacht. Ein dickes Seil hing herunter. „Ich wollte mich nicht auf eine unsichtbare Treppe verlassen“, sagte Janice und zuckte mit den Schultern. Und das war auch gut so, denn die Treppe war verschwunden. Da tauchte am Rand des Brunnens das  freundliche Gesicht der Heimleiterin auf. „Gott sei Dank, euch beiden geht es gut! Und nun rauf mit euch!“

Zurück im Waisenhaus erzählte Isobel bei einer großen Tasse heißen Tees von ihrer Begegnung mit der Banshee. „Ich kann sie retten, hat sie gesagt“, wiederholte Isobel leise. „Aber wie?“ Sie blickte mit großen Augen Mrs. Robinson an. „Vielleicht kann ich dir dabei helfen“, meinte die alte Dame und kniff die Augen müde zusammen. „Aber nicht mehr heute. Lass uns morgen darüber reden.“ Isobel hatte bisher nicht bemerkt, wie müde sie tatsächlich war, doch bei diesen Worten schlossen sich sofort ihre Augen. „Ich werde sie retten“, flüsterte sie. „Ich muss.“ Das Letzte, was sie sah, bevor sie endgültig einschlief, waren rotglühende Augen in der Dunkelheit.

 

ENDE

 

zwischenschnitt


Der Oktober steht im Zeichen der Geisterwesen. Halloween, welches am 31. Oktober jeden Jahres gefeiert wird, geht auf das alte keltisch-irische Fest Samhain zurück. Hier, so sagt man, konnten Menschen Kontakt zu Wesen jenseits unserer Welt aufnehmen.

Die Kurzgeschichte rund um Isobel gehört zu meinem Romanprojekt, an dem ich seit einiger Zeit schreibe. Isobels erster Ausflug in die mythische Anderswelt ist hiermit abgeschlossen. Wer die Rattenartigen wirklich sind, und ob Isobel ihre Eltern tatsächlich retten kann, erfahrt ihr im fertigen Roman.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß und habt die kleine Isobel bereits in euer Herz geschlossen!

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17 Kommentare zu „[Kurzgeschichte] Kapitel 5 – Die Anderswelt

  1. Neeeeeein, warum ist die Geschicht genau da aus? O:
    Absolute Frechheit, so ein gemeiner Cliffhanger! 😉 Nein, alle Kapitel sind wirklich toll erzählt und man wird unheimlich neugierig gemacht. Und ich habs doch gewusst, dass Janice noch eine Rolle spielen wird 😀

    Wann darf man denn mit mehr rechnen? 😉

    Liebeste Grüße,
    Smarty ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Doooooch! 😀
      Es freut mich wirklich wirklich sehr, dass dir die kleine Einführung so gut gefallen hat,wirklich! Janice ist auf jeden Fall eine gute Seele, die ein Auge auf Isobel hat. Da heute der NaNoWriMo begonnen hat und schon einige Fragmente existieren, werde ich mein bestes geben, diesen Monat weiter voranzukommen mit der Geschichte. Und vielleicht gibt es im Dezember noch ein kleines Wiedersehen mit Isobel, ich frag sie mal. 🙂

      Liebste Grüße zurück!
      Gabriela

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  2. Hallo,
    oh wie gemein hier zu enden. 😉
    Jetzt muss ich doch unbedingt mehr erfahren. Du weißt schon, dass das ein bisschen grausam ist für alle die deine Geschichte so gerne gelesen haben? 😀
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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