Writing Friday

[Writing Friday] Lügenbaronin

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Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte.

Hätte man das? Ja, der geneigte Beobachter hätte das durchaus. Schaut sie euch nur an, wie sie rotwangig vor ihrem Vater steht. Die Mundwinkel verziehen sich, zucken verdächtig im Takt mit ihren frechen Gedanken. Aus ihren Augen funkelt der Schalk. Maja, Maja, wie konntest du nur! Zu gern würde ich jetzt zu ihr gehen und sie heftig rügen, doch das käme unserer Rolle als stille Zuschauer nicht entgegen. Keiner weiß, dass wir hier sitzen und sie beobachten, Vater und Tochter. Nun seid also still – Pssst! – und betrachten wir die Szene einmal genauer.

Maja ist nicht die kleine schlaue Biene, die die Kinder allzu gern besingen, aber frech ist sie allemal. Ob ihre Eltern das bereits wussten, als sie ihr diesen Namen gaben? Ich weiß es nicht. Jetzt steht sie also vor ihrem Vater mit diesem kecken Lachen und den blitzenden Augen, dabei sollte sie vor Scham den Blick auf den Boden gerichtet haben, sollte demütig nicken und die Luft anhalten, für das große Donnerwetter, dass der Vater in diesem Moment auf sie prasseln lässt. Doch seht ihr, wie sie mit den Füßen wippt? Kann kaum still halten, das junge Ding. Wippt und kichert in ihren Mundwinkel hinein, während sich ihr Vater dusselig schwadroniert vor ihren Augen, nein, vor unser aller Augen. Man möchte sich beinahe selbst abwenden, um den Herren nicht noch mehr zu blamieren.

„Aber Papa, natürlich habe ich Mina nicht von der Schaukel geschubst!“, ruft sie in diesem Moment aus und schafft es dabei, ein wenig ernster auszusehen. Ha! – Eine geborene Lügnerin, das ist unsere Maja, ganz Recht! Seht sie euch an, da schwindelt sie dreist das Blaue vom Himmel, dabei haben wir sie vorhin doch selbst noch bei dieser Tat beobachtet. Kinder, nehmt euch bloß kein Beispiel an ihr, das ist ja zum Haare raufen. Belügt ihren Vater, und der arme Tor weiß nicht, wie ihm geschieht. Soll er ihr glauben oder nicht? Wenn ihr mich fragt, er ist viel zu weich mit ihr. Aber so sind sie, die Väter. Glauben ihrer kleinen Prinzessin in allen Belangen und strafen ihre Frechheiten kein bisschen. Oh, Maja, wenn du meine Tochter wärst…!

Aber vielleicht ist das auch ein Glück, dass sie es nicht ist. Auch wenn sie hübsch ausschaut mit ihren goldenen Zöpfen, die ihr links und rechts das liebliche Gesichtchen herunterbaumeln. Mit ihren großen blauen Augen und ihrer Zahnlücke sieht sie aus wie das blühende Leben. Und doch hat sie ihre Freundin Mina von der Schaukel geschubst, da kann mich keiner vom Gegenteil überzeugen. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen, so wahr ich hier stehe. Ihr habt es doch auch gesehen, nicht wahr?

Oh, wer betritt denn nun die Szene? Die Frau vom Bäcker eilt herbei und schleift hinter sich den langen Schludrig her. Was das wohl geben wird? Kinder, jetzt bin ich aber neugierig! Die beiden bleiben vor Maja und ihrem Vater stehen, die Frau Bäckerin hält den Schludrig noch immer am rechten Ohr gepackt. Wenn ihr mich fragt, sieht das ganz schön schmerzhaft aus. Aber nun seid mal kurz leise, ich will verstehen, was sie reden.

„… hat mir gerade gestanden, dass er das Mädchen geschubst hat. Der Lümmel hat eben nichts in seinem zu großen Kopf, da können sie mal sehen, was mit der Jugend von heute passiert. Ja, ja, ich verstehe. Ich werde ihn tüchtig von seinem Vater prügeln lassen, dann wird er es nicht noch einmal tun. Nein, nein, ihre Maja hat nichts mit der Sache zu tun, wirklich nicht. Es tut mir leid, dass ich vorhin einen anderen Verdacht geäußert habe.“

… Wie, der Schludrig war’s? Hey! Kinder, glaubt ihr’s? Jetzt soll’s der arme Junge sein, der kaum eins und eins zusammen zählen kann! Aber Maja wird ihm zur Seite stehen, sie kann doch nicht wollen, dass ein anderer für ihre Taten bestraft wird! Maja, los, ich appelliere stumm an dein Gewissen, du musst gestehen!

Glaubt es oder nicht. Sie steht einfach da, grinsend von einer Backe zur andern, und schweigt. Der arme Schludrig wurde am Ohr davon geschleift, heim zu seinem Vater. Ich weiß jetzt schon, wie es für ihn enden wird. Oh, Maja, wie konntest du nur! Und alles nur, weil er in sie verliebt ist, der dumme Jung‘. Das hat mir nämlich die Frau vom Schuster neulich erzählt, die weiß es von der Mutter des Jungen. Aber ob ihm dieses falsche Geständnis nun in Majas Gunst steigen lässt, na, ich weiß ja nicht. Diese Maja ist ein durchtriebenes kleines Ding. Da, nun läuft sie davon. Lauf nur, Maja, lauf! Ich habe deine Tat gesehen – wir alle! haben sie gesehen. Aber keiner scheint etwas sagen zu wollen. Nun, wenn ich so drüber nachdenke, es geht mich schließlich auch nichts an, nicht wahr. Dass die Menschen immer tratschen müssen, immerzu die Leute beobachten, das ist mir ein Gräuel. Kommt Kinder, gehen wir lieber heim und überlassen Majas Vater seinen glücklichen Gedanken an sein unfehlbares Kind. Man muss die Menschen auch einfach mal ihr eigenes Leben leben lassen, nicht wahr.


Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann. Heute habe ich mir den Anfangsatz „Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte“ vorgenommen und daraus eine kleine Geschichte gesponnen.

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

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26 Kommentare zu „[Writing Friday] Lügenbaronin

  1. Guten Morgen Liebes, hach ich könnte deine Texte stundenlang lesen! Man konnte die Frechheit von Maja richtig spüren 😀 ich finde du hast das etwas wundervolles hingezaubert!
    Hoffe du bist wieder fit? und wünsche dir ein tolles Wochenende! ❤

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    1. Huhu liebste Elizzy! 💕
      Na das hör ich doch immer wieder gern 😄 man kennt solche Mädchen ja, denen einfach alles durchgelassen wird – Maja ist eine davon.
      Mir gehts wieder fast gut, von daher sehe ich dem Wochenende sehr entspannt entgegen 😊 hab ein wunderbares We! ❤

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  2. Liebe Gabriela,
    habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr ich mich jeden Freitag auf deinen Text freue! Du schreibst so toll und kriegst es jedes Mal hin, mich komplett in den Bann zu ziehen.
    Dieses Mal habe ich mich in eine andere Zeit versetzt gefühlt! Man kann sich die ganze Szene so gut vorstellen. Dein Text wirkt wunderbar lebendig und authentisch.
    Liebe Grüße,
    Janika

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    1. Huhu Janika!
      Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich gerade darüber freue ❤ Ich hatte beim Schreiben auch indirekt einen leicht ausgewaschenen Ton über der Szenerie, da bin ich sehr froh, dass das in den Worten auch so rüberkam. 😊

      Liebste Grüße! ❤
      Gabriela

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  3. Och Mensch, diese Maja erinnert mich an Nelly aus „Unsere kleine Farm“ Was habe ich diese Serie geliebt 😍
    Bei diesem zauberhaften Text von dir kam ich mir vor, wie in einem Hörspiel, wo ich gemeinsam mit dem Erzähler heimlich und unbemerkt der Szene lauschen darf….

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    1. Ha, wie schön! Das habe ich leider nie so recht verfolgt, habe aber gerade mal das besagte Mädchen ergooglet und stelle fest: Genau so hab ich sie mir vorgestellt. Spaßig! 😀

      Hab gerade deine Nachricht gelesen, das ist wirklich verdammt schade! Aber das klappt sicher bei einer anderen Gelegenheit mal mit uns ❤︎

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  4. Und wieder eine so wunderbare Geschichte ❤ Ich war schon richtig gespannt, welche Aufgabe du dir heute wohl vornehmen würdest – und ich hatte ein ähnliches Grinsen wie Maja im Gesicht, als ich von ihrer frechen Lüge gelesen habe. 😀 Es ist wie eines dieser Kinderbücher, in denen der Erzähler die kleinen, frechen Kinder der Geschichte von seiner Position als Beobachter rügt und man ihm als Zuhörer angeregt nickend zustimmt. Vielen, vielen Dank dafür!
    Liebste Grüße,
    Ida

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    1. Huhu Ida! 🙂
      Hehe ich sehe, du hast meine Intention genau richtig gedeutet! Genau so sollte es nämlich auch wirklich wirken, ich wollte es etwas nostalgisch anhauchen und dabei diesen speziellen Charme der alten Kinderbücher einfangen. Erich Kästner zB schlägt in manchen Büchern einen ähnlichen Ton an (auch wenn ich mich nicht mit ihm vergleichen will, um Gottes willen.) 🙂

      Liebste Grüße!
      Gabriela

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      1. Sehr schön dass du es sagst – ich musste nämlich genau an Erich Kästner denken, während ich deine Geschichten gelesen habe! 😀
        Sein Erzählstil ist einfach wundervoll, teils belehrend und doch liebenswert, mit zwinkerndem Auge und einer tätschelnden Hand auf dem Kopf – und genau das habe ich aus deiner Geschichte auch herausgespürt. ❤

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  5. Hallöchen,

    erstmal vielen lieben Dank für deinen Kommentar und Besuch bei mir. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

    Eine sehr schöne Geschichte. Diese freche Maja, die hat es ja faustdick hinter den Ohren. Ich fand es toll, wie du den Leser selbst mit in die Geschichte eingebracht hast. Das hat mir sehr gut gefallen. Auch dein Schreibstil ist total schön. ❤

    Liebste Grüße
    Emma

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  6. Huhu Gabriela,

    hach, endlich komme ich mal dazu längst vergangene Beiträge und Geschichten aufzuholen. 🙂 Wie immer hast du es geschafft mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Was für eine coole Geschichte und was für ein böses Mädchen. ^^ Maja hat es wirklich faustdick hinter den Ohren. Toll geschrieben wirklich!

    Liebste Grüße
    Ella ❤

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    1. Huhu Ella!
      Ach, besser spät als nie, wie man so schön sagt 😀 Freut mich, dass dir meine Maja gefallen hat! Aus dem Blickwinkel der Geschichte, so außen vor und doch mittendrin, zuschreiben, hat mir wirklich viel Spaß gemacht. 🙂

      Liebste Grüße!
      Gabriela

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