Writing Friday

[Writing Friday] Versteckt und geborgen

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Noch nie hatte ich den alten Krämerladen an der Ecke betreten. Mein Leben lang schon wurde morgens die rot und weiß gestreifte Markise ausgerollt, der Gehweg vor dem Eingang gefegt und dann saß der Ladenbesitzer, der schon immer alt gewesen zu sein schien, vor seinem Geschäft in einem antik wirkenden Schaukelstuhl, stopfte sich seine Zigarre und sah den Leuten beim Flanieren zu. Hin und wieder stieß er einen kleinen grauweißen Kringel aus, der sich schnell in der Luft verlor, doch ansonsten blieb er einfach nur sitzen. Er schien auf etwas bestimmtes zu warten. Aber worauf? Immer wenn ich an ihm vorbei ging, warf er mir einen undurchschaubaren Blick zu, weder besonders freundlich noch angsteinflössend. Auch hatte ich noch nie einen Menschen hineingehen sehen. Wie konnte sich so ein Geschäft nur halten?
Heute führte mich mein Weg wieder einmal an dem alten Mann und seinem Laden vorbei. Schon von weitem sah ich ihn auf seinem Stuhl sitzen, unbeweglich wie eine Statue. Ich spürte seinen Blick mehr auf mir, als ich ihn tatsächlich sah. Als ich näher kam, stand der alte Mann mit einer ruckartigen Bewegung auf und ging hinein, verschwand im schattigen Dunkel seines geheimnisvollen Reiches.

Irgendetwas war heute anders, denn es zog mich förmlich zur Eingangstür, die einladend offen stand. Ich wollte endlich wissen, was der Mann verkaufte, welche Schätze, welchen Plunder. Ob ich es einfach wagen sollte? Unentschlossen hielt ich vor dem staubigen Schaufenster an. Das Ladeninnere lag im Dunkeln, wie nicht anders zu erwarten war. Ich trat noch einen Schritt näher heran und schirmte meine Augen mit einer Hand ab. Wo war er hin? Ich war kurz davor, die ölige Staubschicht einfach wegzuwischen, als im hinteren Teil des Raums ein Licht aufflammte. Der alte Mann hatte eine kleine Tischleuchte angeschaltet, das Licht warf tiefe Schatten auf sein faltiges Gesicht. Dann drehte er seinen Kopf in meine Richtung, so schnell, dass ich nicht mehr zurückspringen konnte. Er setzte sich in Bewegung, schlurfte auf mich zu und ich wusste nicht, ob ich bleiben oder lieber weglaufen wollte. Da stand er schon vor mir, und zum ersten Mal in meinem Leben lächelte er mich an.
„Hallo, Mary“, sagte er einfach.
„Oh. Hallo, Mr. …“ Mir wurde bewusst, dass ich nicht einmal wusste wie er hieß.
Scheinbar war ihm dieser Umstand egal, denn er überging meine Unwissenheit einfach, wandte sich wieder um und schlurfte zurück in seinen Laden. Ich stand völlig verdattert an der Tür und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Da drehte er sich wieder zu mir, ein Mundwinkel schob sich ein Stück weit nach oben und er sagte mit einigem Nachdruck: „Komm endlich rein, ich warte schon lange auf dich.“

Im Inneren war es gar nicht so dunkel, wie es von außen immer gewirkt hatte. In den Ecken und Ritzen der alten Möbel schien es zu flimmern und zu glitzern, als hätten Feen vor langer Zeit ihren Feenstaub hinterlassen. Auf kleinen Tischen standen gut erhaltene Tiffanylampen, die sich in einer schickeren Umgebung sicherlich wohler gefühlt hätten. Mein Blick strich an Schatullen vorbei, alten fleckigen Büchern, die in schweres Leder gebunden waren, zusammengerolle Weltkarten. Ich nahm eine dieser Schatullen aus dem Regal und betrachtete sie eingehender. Sie war etwa so groß wie meine Handfläche und bestand aus dunklem Zedernholz. Der Deckel war rot lackiert und mit einem metallisch glänzenden Schloss verriegelt. Ich versuchte das Schloss anzuheben, doch meine Finger glitten immer wieder darüber, ohne etwas ausrichten zu können. Schon wollte ich sie wieder zurück ins Regal stellen, als ich den Schatten des Ladenbesitzers  wahrnahm, der sich neben mich stellte.

„Gefällt sie dir?“, wollte er wissen.
„Ich … Ich denke schon, ja.“ Ich betrachtete sie noch einmal, drehte sie hin und her und fragte mich, was sie wohl verbergen mochte.
„Du möchtest sicher wissen, was sich in ihr befindet, nehme ich an.“ Ich sah ihn aufmerksam an. Er schmunzelte leicht, wobei sich seine Augen zusammenzogen. „Du hast Glück. Diese Schatulle hat auf dich gewartet, Mary. Nur du kannst sie öffnen.“
„Wie kann sie auf mich gewartet haben? Ich war noch nie hier. Und was ist das überhaupt für ein Laden?“
„Sie wurde für dich vor vielen Jahren hinterlegt. Du trägst den Schlüssel immer bei dir, wurde mir versichert.“
Unsicher wendete ich die Schatulle erneut hin und her. Was meinte er nur? Ich hatte keinen Schlüssel, schon gar keinen so kleinen, der in die winzige Öffnung des Schlosses passen konnte. Und doch spürte ich, wie von dem Holz eine merkwürdige Wärme ausging und in meine Fingerspitzen strahlte. Als ob sie wirklich für mich bestimmt wäre. Meine Neugier wurde immer größer und doch fühlte ich mich nicht wohl, während der alte Mann beharrlich neben mir stand und mir dabei zusah, wie ich versuchte das Rätsel zu lösen. Schließlich wandte ich mich zu ihm um, lächelte zaghaft und fragte, ob er mich kurz allein lassen könne.
„Natürlich. Nur zu, meine Liebe. Sie gehört dir.“

Ich hörte seine schleppenden Schritte als er sich zurückzog und atmete leise auf, als ich mich alleine wähnte. Welchen Schlüssel? Gedankenverloren spielte ich an der Kette um meinen Hals. Sie war schon sehr alt, noch von meiner Großmutter. Das kühle Metall beruhigte mich, der Anhänger zwirbelte zwischen meinen Fingerspitzen hin und her. Plötzlich die Erkenntnis: Der Anhänger! Er entsprach nicht dem klassischen Bild eines Schlüssels, doch die tropfenförmige Form mit den Einkerbungen an den Seiten konnte als Schlüssel durchaus funktionieren. Vorsichtig nahm ich die Kette ab und steckte den Anhänger in das Schloss. Es klickte leise und der Deckel sprang auf. Ich weiß nicht, was ich erwartete, doch für einen Moment kniff ich die Augen zusammen, als hätte ich Pandoras Büchse geöffnet.

Drinnen lag ein kleiner Kettenanhänger. Ein kleiner tropfenförmiger Anhänger, mit Einkerbungen an den Seiten, eingebettet in dunkelblauem Samt. Das Ebenbild meines eigenen. Ein prüfender Blick sagte mir, dass sich mein Exemplar noch immer im Schloss der Schatulle befand. Wie merkwürdig! Wer verschloss denselben Anhänger und hinterlegte sie dann für mich in diesem Laden? Kopfschüttelnd wandte ich mich zum Gehen. Der Ladenbesitzer, dessen Namen ich nach wie vor nicht kannte, war nirgendwo zu sehen. Vielleicht hätte ich sie bezahlen sollen, doch da ich niemanden mehr vorfand, verließ ich den Laden schnellen Schrittes.

In der plötzlichen Helligkeit des Tages hielt ich beide Anhänger nebeneinander. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen, nur war meiner ein wenig abgenutzter. Ohne auf meine Schritte zu achten, bog ich um die nächste Straßenecke. Da hörte ich ein Geräusch hinter mir, Füße, die vorsichtig einen Schritt nach dem anderen machten. Ich beschleunigte meine eigenen und lauschte dabei angestrengt. Das Geräusch schien verstummt zu sein. Ich blieb stehen, wandte mich um und sah, dass ich allein auf der Straße stand. Doch als ich mich wieder umdrehte, stand ein Mädchen vor mir. Ich zuckte zusammen und sprang rückwärts. Wo war sie plötzlich hergekommen?
„Du hast meinen Anhänger endlich gefunden, nicht wahr?“
Ich blickte sie sprachlos an, unfähig etwas zu sagen oder auch nur zu blinzeln. Sie hatte dunkelbraune, zu einem geflochtenen Zopf gebundene Haare, große grüne Augen mit goldenen Einschlüssen – sie sah aus wie ich! Sie lächelte mich vorsichtig an.
„Mein Anhänger?“, versuchte sie es erneut. „Ich hab ihn für dich zurücklegen lassen, nachdem ich wusste, wo ich dich finden konnte. Nachdem sie uns trennten. Ich dachte, du hast mich nicht vergessen.“ Noch immer konnte ich nichts erwidern, mein Blick glitt ungläubig an ihrem Gesicht rauf und runter, das so sehr meinem eigenen entsprach, dass es mir eine Gänsehaut über die Arme jagte. Was redete sie da bloß?
„Du weißt es nicht, oder?“ Sie blickte mich mit einer Resignation in den Augen an, dass sie mir beinahe leid tat. „Wir sind Schwestern.“

 

schnörkel


Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann. Dieses Mal habe ich habe ich mich an einer Geschichte versucht, von einem alten Laden handelt, einem Gegenstand und einer Verfolgung.

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

Weitere Teilnehmer

 

schnörkel

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21 Kommentare zu „[Writing Friday] Versteckt und geborgen

  1. Oh wow! Dein Schreibstil ist so unglaublich bildhaft und atmosphärisch, dass er mich richtig in deine Geschichte hineingezogen hat. Was für eine geheimnisvolle, wunderbare Erzählung. Ich hätte noch stundenlang weiterlesen können. Schade, dass es schon vorbei ist.

    In meinem Beitrag dreht sich heute alles um Luna und ihre Liebe – ein Stoff, aus dem man eine märchenhafte Legende spann.

    Ich freue mich schon darauf, noch mehr von die zu lesen. 🙂
    Anna

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    1. Hallo Anna! 🙂
      Vielen lieben Dank für die lieben Worte! Und ich dachte schon, dass sie schon fast etwas lang geraten ist 😀 Ich komm sehr gern in meiner nächsten freien Minute bei dir vorbei und schau mir an, was du schönes geschrieben hast 🙂

      Liebste Grüße!
      Gabriela

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  2. Uff! Ich habe beim Lesen direkt alles vor Augen gehabt! Eine wundervolle Geschichte ist dir da gelungen! Ich hatte eine leichte Gänsehaut, als du auflöst, dass das Mädchen vor Mary so aussieht wie sie – ein Zwilling! Genial. Aus diesem Input könnte man ganz sicher ein interessantes Buch schreiben!
    Ich mag deine Geschichten sehr und freue mich immer wieder auf Freitag. 🙂

    Bei mir geht´s heute um LUNA. Es ist ein kleiner, trauriger Text.
    GlG, monerl

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    1. Hallo monerl! 🙂
      Vielen lieben Dank für deine lieben Worte 🙂 Ich denke auch, da könnte man was aus der Vor- und Nachgeschichte machen, aber erstmal muss es so funktionieren 🙂
      Deinen Text schau ich mir auch gleich sehr gern noch an!

      Liebste Grüße,
      Gabriela

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  3. Wieder eine tolle Geschichte. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen und mich hinsichtlich der letzten Kommentare wiederholen. Einfach ein wundervoller Schreibstil! Und ich finde sie auch nicht zu lang.
    An dieselbe Aufgabe habe ich mich zwischenzeitlich auch gewagt. Nur leider hatte ich gestern keine einzige freie Minute um sie zu veröffentlichen, so dass dies bis kommenden Freitag warten muss. Es gibt sogar eine kleine Parallele in unseren Geschichten =)
    Bis dahin genieße ich die anderen Beiträge.

    Liebe Grüße
    Mark

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  4. Ich habe jetzt ein paar deiner Geschichten gelesen und ich bin begeistert von deinem Schreibstil. Flüssig, bildhaft und sehr schöne Ideen/ Geschichten.
    Und da mein PC in der Arbeit mal wieder nicht geht, lese ich gleich noch ein bisschen 😉

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